Ja, eine Verschiebung (Dezentrierung) oder Kippung der Kunstlinse ist grundsätzlich möglich, kommt bei modernen Linsendesigns aber selten vor. Besonders bei Speziallinsen mit erweitertem oder vollem Sehbereich kann bereits eine geringe Fehlposition die Bildqualität spürbar beeinträchtigen. Wie stabil eine Linse im Kapselsack liegt, ist ein aktiver Forschungsschwerpunkt unserer Vienna IOL Study Group – auch scheinbar naheliegende Annahmen halten dabei nicht immer der Überprüfung stand. In einer eigenen randomisierten Studie (Ophthalmology 2024) haben wir intraindividuell untersucht, ob ein zusätzlicher Kapselspannring die Position einer Plattenhaptik-Kunstlinse im Kapselsack zusätzlich stabilisiert – wie es lange angenommen wurde. Das Ergebnis war unerwartet: Der Kapselspannring verbesserte die Rotationsstabilität nicht, und Dezentrierung sowie Kippung fielen in der Gruppe mit Kapselspannring sogar etwas höher aus als ohne. Ein solches Hilfsmittel sollte deshalb nicht routinemäßig, sondern gezielt eingesetzt werden, etwa bei tatsächlich geschwächten Aufhängefasern (Zonulae) der natürlichen Linse. In der klinischen Praxis wird die Linsenposition bei jeder Nachkontrolle mitbeurteilt; eine relevante Verschiebung macht sich meist durch eine spürbare Sehverschlechterung, Doppelbilder oder Blendung bemerkbar und sollte dann zeitnah augenärztlich abgeklärt werden. Eine leichte, klinisch nicht relevante Dezentrierung ist dabei deutlich häufiger als eine tatsächlich behandlungsbedürftige Verschiebung und erfordert in aller Regel keinen weiteren Eingriff.
Kann sich eine Kunstlinse im Auge verschieben?
About the Author: Christina Leydolt
Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt ist Fachärztin für Augenheilkunde in Wien mit Spezialisierung auf Kataraktchirurgie (Grauer Star), Kunstlinsen-Implantation und refraktiven Linsentausch. Sie leitet die Vienna IOL Study Group, forscht aktiv im Bereich Premiumlinsen (torische, multifokale, EDOF- und Monofokal Plus-Linsen) und veröffentlicht regelmäßig Fachpublikationen in internationalen wissenschaftlichen Journalen. In ihrer Ordination am Opernring berät sie individuell zu Monofokal-, EDOF-, Multifokal- und torischen Linsen mit dem Ziel, bestmögliches Sehen und ein weitgehend Brillen-unabhängiges Leben zu ermöglichen. In ihren Blogbeiträgen erklärt sie aktuelle Entwicklungen in der Augenheilkunde verständlich und wissenschaftlich fundiert. Mehr über Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt und ihre Kunstlinsen-Forschung erfahren Sie hier.