Bei der Operation des Grauen Stars wird die getrübte natürliche Linse entfernt und durch eine künstliche Linse (Kunstlinse oder Intraokularlinse, kurz IOL) ersetzt. So weit ist der Eingriff bei fast allen Patient*innen gleich. Die eigentliche Entscheidung beginnt davor: welche Kunstlinse passt zu mir?
Die Auswahl ist heute größer als je zuvor, und genau das macht die Entscheidung für viele unübersichtlich. Eine pauschale Antwort wie „die beste Linse“ gibt es nicht. Es gibt die Linse, die zu Ihren Augen, Ihren Sehgewohnheiten und Ihrem Alltag passt. Die Wahl richtet sich nach vier unabhängigen Merkmalen: dem gewünschten Sehbereich, dem optischen Prinzip, einer möglichen torischen Zusatzfunktion und der Planung für beide Augen gemeinsam. All das bespreche ich in jeder Voruntersuchung ausführlich mit Ihnen.
1. Der Sehbereich: die Abstufung der Linsentypen
Die wichtigste Frage zuerst: Für welche Entfernungen möchten Sie ohne Brille scharf sehen? Die Antwort ordnet sich in vier Stufen ein, von der Monofokallinse bis zur Multifokallinse. Jede Stufe ist ein anderer Kompromiss zwischen Brillenfreiheit und Bildqualität – deshalb gehört in jede Übersicht auch, was man dafür in Kauf nehmen muss:
| Linsentyp | Sehbereich | Ohne Brille scharf | Brille noch nötig für | Was man dafür in Kauf nehmen muss |
|---|---|---|---|---|
| Monofokallinse | Ein Sehbereich | Ferne | Zwischenbereich, Lesen | nichts – beste Bildqualität |
| Monofokal-Plus-Linse | Leicht erweiterter Sehbereich | Ferne, Ansatz Zwischenbereich | Lesen, meist auch Bildschirm | sehr wenig |
| EDOF-Linse | Erweiterter Sehbereich | Ferne bis Armlänge: Bildschirm, Kochen, Armaturenbrett | kleine Schrift | leichte Lichthöfe möglich, etwas weniger Kontrast |
| Multifokallinse | Voller Sehbereich | Ferne, Zwischenbereich, Nähe | selten | Lichthöfe und Blendung häufiger, Kontrast reduziert |
2. Das optische Prinzip: wie die Linse mehrere Brennpunkte erzeugt – refraktiv oder diffraktiv
Jede Linse, die mehr als eine Entfernung scharf abbildet, muss das Licht gleichzeitig auf mehrere Brennpunkte verteilen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie und was man dafür in Kauf nehmen muss. Zwei Prinzipien stehen zur Verfügung:
• Refraktive Speziallinsen verteilen das Licht nach dem Prinzip der Lichtbrechung — über die Form der Linsenoberfläche. Das funktioniert ähnlich wie eine Gleitsichtbrille: verschiedene Bereiche der Linse übernehmen verschiedene Entfernungen. Anders als bei einer Gleitsichtbrille müssen Sie dafür aber nicht den Blick senken oder den Kopf drehen – bei der Kunstlinse wirken alle Bereiche gleichzeitig.
• Diffraktive Speziallinsen verteilen das Licht nach dem Prinzip der Lichtbeugung — über eine mikroskopische Ringstruktur. Das Licht wird gleichzeitig auf mehrere Sehbereiche verteilt, und das Gehirn sucht sich den passenden Bereich aus.
Beide Prinzipien gibt es inzwischen für mehrere Sehbereiche; die frühere Faustregel „refraktiv wenig Sehbereich, diffraktiv viel Sehbereich“ steht für aktuelle Linsen nicht mehr uneingeschränkt fest.
Für EDOF und Multifokallinsen gilt unabhängig vom optischen Prinzip: Weil das Licht aufgeteilt wird, fallen nie 100 Prozent des Lichts in einen einzelnen Brennpunkt. Genau daraus entstehen die möglichen Nebenwirkungen. Es ist wie in einem Sandkasten: Man kann den Sand nur umverteilen. Wenn man an ihn an einer Stelle aufschaufelt, fehlt er an einer anderen.
3. Zusatzkorrektur: Torische Linsen bei Hornhautverkrümmung
Bei stärkerer Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) lässt sich praktisch jede der vier Linsentypen zusätzlich torisch ausführen. Torisch ist keine eigene Stufe und kein eigenes Prinzip, sondern eine Zusatzfunktion. Alle Speziallinsen wirken nur dann optimal, wenn ein eventuell vorhandener Hornhaut-Astigmatismus ebenfalls mit einer torischen Linse korrigiert wird. Wie stabil sich eine torische Linse langfristig im Auge verhält und ab welcher Verkrümmung sie sinnvoll ist, lesen Sie ausführlich in meinem Beitrag Sind torische Linsen Standard?
4. Kombination beider Augen: ein Auge oder beide zusammen geplant?
Neben Sehbereich, Prinzip und torischer Zusatzfunktion gibt es noch eine andere Frage zu klären: wie die beiden Augen gemeinsam geplant werden. Das sind Planungsstrategien, keine eigenen Linsentypen. Im Regelfall erhalten beide Augen denselben Linsentyp, die Stärke wird für jedes Auge einzeln berechnet. Bei der Monovision wird ein Auge auf die Ferne, das andere auf die Nähe eingestellt – mit zwei Linsen desselben Typs. Beim Mix-and-Match kombinieren wir zwei unterschiedliche Linsentypen, je Auge einen. Unsere eigene, prospektive Drei-Jahres-Studie zu dieser Kombination ist 2026 im Journal of Cataract & Refractive Surgery erschienen. Mehr dazu in meinem Beitrag zu Mix-and-Match von Kunstlinsen.
Keiner dieser Linsentypen ist grundsätzlich „besser“ — jeder ist ein anderer Kompromiss zwischen Brillenfreiheit, Bildqualität und Nebenwirkungsrisiko. Mehr zu den Linsentypen finden Sie auch auf unserer Seite zu Speziallinsen.
Welcher Sehtyp sind Sie?
In der Praxis hilft es, sich selbst ein paar einfache Fragen zu stellen. Sie geben einen ersten Anhaltspunkt — die endgültige Empfehlung folgt erst nach der augenärztlichen Untersuchung.
| Wenn das auf Sie zutrifft … | … könnte folgende Linse passen |
| Sie lesen sehr viel und legen größten Wert auf brillenfreies Sehen in der Nähe | Voller Sehbereich (FVR, Full-Range of Vision): Multifokal |
| Sie arbeiten viel am Bildschirm, Laptop oder Tablet | Erweiterter Sehbereich: EDOF (Extended-Depth of Field) |
| Sie fahren häufig (auch nachts) und Kontrastsehen ist Ihnen wichtiger als Lesen ohne Brille | Monofokal / Monofokal Plus |
| Sie sind sportlich aktiv und brauchen Sehschärfe über mehrere Distanzen in Bewegung | EDOF, ggf. Monofokal Plus |
| Sie möchten möglichst auf jede Brille verzichten, wenn das einen Kompromiss bedeutet | Multifokal (nur bei sehr guter Augengesundheit sinnvoll) |
| Sie kommen auch mit einer Lesebrille für bestimmte Situationen gut zurecht | Monofokal Plus / EDOF |
Hilfreiche Fragen, die ich Patient*innen dazu stelle: Wie wichtig ist Ihnen Lesen ohne Brille wirklich? Für welche Distanz würden Sie im Zweifel doch eine Brille aufsetzen? Wie stehen Sie grundsätzlich zu möglichen optischen Nebenwirkungen?
Mehr als Wünsche: Was die Untersuchung zeigt
Der Wunsch der Patientin oder des Patienten ist eine Seite der Entscheidung, die andere ist die objektive Augengesundheit. Vor jeder Empfehlung prüfe ich unter anderem genau:
• die Hornhaut (Oberfläche, optische Fehler und Rückfläche) und etwaige Unregelmäßigkeiten,
• die Pupillengröße unter verschiedenen Lichtbedingungen sowie
• mögliche Begleiterkrankungen wie Makulaveränderungen, Glaukom oder ausgeprägt trockene Augen.
Diese Faktoren entscheiden mit, ob eine Speziallinse überhaupt sinnvoll ist – unabhängig davon, was sich die Patientin oder der Patient wünscht. Eine Speziallinse bei nicht optimalen Voraussetzungen einzusetzen, erhöht nur das Risiko für ein nicht optimales Ergebnis.
Warum Ehrlichkeit hier wichtiger ist als ein Verkaufsargument
EDOF- und Multifokallinsen können optische Nebenwirkungen mit sich bringen: Blendung, Lichthöfe (Halos) um Lichtquellen bei Nacht, ein leicht reduziertes Kontrastsehen. Bei den meisten Patient*innen gewöhnt sich das Gehirn innerhalb einiger Monate daran (Neuroadaptation), bei manchen bleiben die Effekte spürbar. Genau deshalb gehört eine ehrliche Aufklärung darüber für mich genauso zum Beratungsgespräch wie die Frage nach Ihren Wünschen.
Wie der Ablauf bei mir aussieht
• Ausführliches Gespräch zu Ihrem Alltag, Ihren Sehgewohnheiten und Erwartungen
• Umfassende Voruntersuchung der Augen: Hornhaut, Pupille, Linse, Netzhaut und mehr
• Gemeinsame Besprechung, welche Linsenoptionen für Sie infrage kommen, inklusive der jeweiligen Vor- und Nachteile
• Ihre Entscheidung, gut informiert und ohne Zeitdruck
Es gibt nicht die eine richtige Linse für alle – aber für jede Patientin und jeden Patienten lässt sich die individuell passende Lösung finden. Genau das ist der Anspruch, mit dem ich an jede Grauer-Star-Operation gehe.
Sie möchten besprechen, welche Linse für Sie infrage kommt? Vereinbaren Sie ein persönliches Beratungsgespräch.
Es gibt nicht die eine beste Kunstlinse – nur die für Ihre Augen und Ihren Alltag passende. Die Wahl richtet sich nach vier unabhängigen Merkmalen: dem gewünschten Sehbereich, dem optischen Prinzip, einer möglichen torischen Zusatzfunktion und der Planung für beide Augen gemeinsam.
Bei rund 1.000 Linsenoperationen pro Jahr sehe ich, wie unterschiedlich die passende Lösung je nach Patientin oder Patient ausfällt. Die vier Abstufungen der Linsentypen– von der Monofokallinse mit der höchsten Bildqualität bis zur Multifokallinse mit dem größten Sehbereich – sind jeweils ein anderer Kompromiss zwischen Brillenfreiheit und möglichen optischen Nebenwirkungen wie Blendung oder Lichthöfen. Keine Linse ist grundsätzlich überlegen.
Als Leiterin der Vienna IOL Study Group habe ich selber viele Speziallinsen in unabhängigen wissenschaftlichen Studien untersucht und bewertet. Ich selber bin keinem Linsenhersteller verpflichtet – meine Empfehlung folgt ausschließlich der Untersuchung Ihrer Augen (Hornhaut, Pupille, Netzhaut), Ihren Sehgewohnheiten und meiner persönlichen langjährigen Erfahrung, nicht einem Produktkatalog. Eine Speziallinse, die nicht zur individuellen Augengesundheit passt, erhöht nur das Risiko für ein unbefriedigendes Ergebnis, deshalb steht vor der Linsenwahl immer eine genaue Voruntersuchung und ein persönliches Gespräch.
Bei einer Katarakt-Operation stehen vier Linsentypen mit unterschiedlichen Sehbereichen zur Auswahl: die Monofokallinse (ein scharfer Bereich, meist die Ferne), die Monofokal-Plus-Linse (leicht erweiterter Sehbereich), die EDOF-Linse (erweiterter Sehbereich bis Armlänge) und die Multifokallinse (voller Sehbereich, meist trifokal). Zusätzlich kann jede dieser Linsen bei Hornhautverkrümmung torisch ausgeführt werden.
Diese vier Abstufungen unterscheiden sich nicht nur in der Reichweite ohne Brille, sondern auch darin, was man dafür in Kauf nimmt: Je größer der Sehbereich, desto eher können Lichthöfe, Blendung oder ein leicht reduziertes Kontrastsehen auftreten. Eine Monofokallinse liefert die beste Bildqualität ohne Zusatzeffekte, eine Multifokallinse die größte Brillenfreiheit auf allen Distanzen.
Unabhängig von der Sehbereich-Stufe gibt es außerdem die Frage, wie beide Augen gemeinsam geplant werden: mit demselben Linsentyp in beiden Augen (der Regelfall), als Monovision oder als Mix-and-Match zweier unterschiedlicher Typen. Welche Kombination aus diesen Merkmalen zu Ihnen passt, klären wir gemeinsam in der Voruntersuchung – abhängig von Ihrem Sehwunsch und der objektiven Augengesundheit. Eine Übersicht mit allen vier Linsentypen und den jeweils damit verbundenen Kompromissen finden Sie weiter oben in diesem Beitrag.
Die Linsenwahl ist eine gemeinsame Entscheidung: Sie bringen Ihre Sehgewohnheiten und Wünsche ein, ich prüfe, welche Optionen medizinisch sinnvoll sind. Beide Seiten sind nötig – der Wunsch allein reicht nicht, wenn die Augengesundheit dagegenspricht.
Vor jeder Empfehlung untersuche ich genau Ihre Hornhaut (Oberfläche, Unregelmäßigkeiten, Rückfläche), die Pupillengröße unter verschiedenen Lichtbedingungen und mögliche Begleiterkrankungen wie Makulaveränderungen, Glaukom oder ausgeprägt trockene Augen. Diese Befunde setzen objektive Grenzen, unabhängig davon, welche Linse sich die Patientin oder der Patient wünscht: Zeigt die Untersuchung beispielsweise, dass eine Multifokallinse aufgrund einer Netzhaut- oder Hornhautbesonderheit nicht sinnvoll ist, spreche ich das offen an, auch wenn der ursprüngliche Wunsch in eine andere Richtung ging.
Am Ende treffen Sie die Entscheidung – aber informiert über alle vier Merkmale (Sehbereich, optisches Prinzip, torische Zusatzfunktion, Planung beider Augen) und deren jeweilige Vor- und Nachteile, nicht auf Basis eines Werbeversprechens. Diese Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern ist mir in über 25 Jahren Forschung an der Vienna IOL Study Group besonders wichtig geblieben.
Drei Fragen helfen den meisten Patient*innen, ihre eigenen Prioritäten vor dem Beratungsgespräch zu klären: Wie wichtig ist Ihnen Lesen ohne Brille wirklich? Für welche Distanz würden Sie im Zweifel doch eine Brille aufsetzen? Und wie stehen Sie grundsätzlich zu möglichen optischen Nebenwirkungen wie Lichthöfen oder Blendung bei Nacht?
Ergänzend lohnt sich ein Blick auf den eigenen Alltag: Wie viel Zeit verbringen Sie am Bildschirm, wie oft fahren Sie – auch nachts – Auto, wie wichtig ist Ihnen Kontrastsehen gegenüber Brillenfreiheit? Diese Antworten geben bereits einen ersten Anhaltspunkt, welcher Linsentyp für Sie infrage kommen könnte.
Diese Selbsteinschätzung ersetzt aber nicht die augenärztliche Untersuchung: Ob eine gewünschte Speziallinse tatsächlich sinnvoll ist, hängt zusätzlich von der Hornhaut, der Pupillengröße und möglichen Begleiterkrankungen ab. Ich empfehle, sich vor dem Gespräch nicht auf einen bestimmten Linsentyp festzulegen, sondern die eigenen Prioritäten offen zu benennen – daraus entwickeln wir gemeinsam die passende Empfehlung, statt von einem vorgefertigten Wunsch auszugehen, der medizinisch am Ende nicht haltbar ist.
Ja, eine Änderung ist grundsätzlich möglich, solange die entsprechende Linse noch nicht bestellt und die Operation noch nicht unmittelbar bevorsteht. Weil die passende Linsenstärke individuell aus den Messwerten der Voruntersuchung berechnet wird, kann ein Wechsel jedoch eine erneute Biometrie oder zusätzliche Messungen erforderlich machen.
Praktisch bedeutet das: Je früher Sie sich melden, desto unkomplizierter lässt sich die Änderung umsetzen. Kurz vor dem geplanten Operationstermin wird es organisatorisch enger, weil Speziallinsen individuell bestellt werden und die Voruntersuchungsergebnisse dann bereits in die OP-Planung eingeflossen sind. Ein später Wechsel ist deshalb nicht ausgeschlossen, aber mit mehr Aufwand verbunden als eine frühzeitige Entscheidung.
Aus diesem Grund nehme ich mir in der Voruntersuchung bewusst Zeit für das Beratungsgespräch, statt zur Eile zu drängen: Sie sollen ohne Zeitdruck entscheiden können, welcher Sehbereich, welches optische Prinzip und welche Augenkombination zu Ihnen passt. Bei Unsicherheit sprechen Sie mich in der Voruntersuchung offen an – ein zweites, klärendes Gespräch ist jederzeit möglich.