Wie lange hält eine Kunstlinse? Diese Frage stellen mir viele Patient*innen schon vor der Grauer-Star-Operation – verständlicherweise, denn die künstliche Linse, die Intraokularlinse (IOL), soll ja ein Leben lang im Auge bleiben. Anders als eine Brille oder Kontaktlinse wird sie dauerhaft implantiert und nicht regelmäßig erneuert. Die kurze Antwort vorweg: In der ganz überwiegenden Mehrheit der Fälle hält eine Kunstlinse ein Leben lang, ohne dass ein Wechsel notwendig wird. Wie sich das mit dem Linsenmaterial, mit möglichen Veränderungen im Auge und mit den nötigen Kontrollen nach der Operation verhält, erkläre ich in diesem Beitrag.
Wie lange hält eine Kunstlinse in der Praxis?
Kunstlinsen werden aus biokompatiblen Materialien gefertigt – meist hydrophobes oder hydrophiles Acryl, seltener Silikon – die für den dauerhaften Verbleib im Auge ausgelegt sind.[2] Seit den frühen 1990er-Jahren werden faltbare Acryl-Kunstlinsen routinemäßig implantiert; es liegen also inzwischen mehr als drei Jahrzehnte klinische Erfahrung mit diesen Materialklassen vor, ohne dass ein alters- oder verschleißbedingtes „Verbrauchen“ der Linse beobachtet wurde. Die Linse selbst nutzt sich durch normales Sehen nicht ab, verändert ihre Brechkraft nicht und muss nicht turnusmäßig ersetzt werden. Was sich mit der Zeit verändern kann, ist nicht die Linse selbst, sondern in seltenen Fällen die sie umgebende Kapsel oder – noch seltener – das Linsenmaterial. Beides erkläre ich im nächsten Abschnitt.
Kann sich das Linsenmaterial mit der Zeit verändern?
Ehrlich gesagt: in sehr seltenen Fällen ja. Bei bestimmten, heute kaum noch verwendeten hydrophilen Acryl-Materialien wurde in der Fachliteratur manchmal eine Kalzifikation beschrieben – feine Kalziumablagerungen im Linsenkörper, die über Jahre zu einer echten Eintrübung des Materials selbst führen können. Das ist ein anderes Phänomen als der viel häufigere Nachstar (hintere Kapseltrübung, posterior capsule opacification), bei dem sich nicht die Linse, sondern die körpereigene Kapsel dahinter eintrübt. Weil ich keinem einzelnen Linsenhersteller verpflichtet bin, kann ich bei der Linsenwahl gezielt auf Materialien mit langer, gut dokumentierter Erfahrung setzen, statt an ein bestimmtes Produktportfolio gebunden zu sein.
Wenn ein Austausch der Kunstlinse notwendig wird
Ein Linsenaustausch ist selten, aber grundsätzlich möglich. Gründe dafür sind in der Praxis meist eine Verschiebung der Linse im Auge, eine deutlich abweichende Zielrefraktion, eine ausgeprägte Unverträglichkeit optischer Nebenwirkungen bei multifokalen Linsen oder – sehr selten – die im vorigen Abschnitt beschriebene Materialtrübung. Wichtig zu wissen: Der Eingriff wird technisch anspruchsvoller, je länger die ursprüngliche Operation zurückliegt. In den ersten Wochen ist die Linse meist noch relativ frei beweglich in der Kapsel, danach wächst sie zunehmend fest mit dem umgebenden Kapselgewebe zusammen (Fibrose), was den späteren Linsentausch aufwändiger macht. Deshalb ist eine sorgfältige Linsenwahl vor der ersten Operation so wichtig.
Regelmäßige Kontrolle nach der Operation
Eine spezielle, engmaschige Kontrolle allein wegen der Kunstlinse ist bei unauffälligem Verlauf nicht nötig. Sinnvoll ist die übliche augenärztliche Vorsorgeuntersuchung, die in Österreich im Rahmen der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung bzw. bei niedergelassenen Augenärzt*innen regelmäßig angeboten wird; die Kosten dafür trägt in der Regel die ÖGK bzw. die jeweilige gesetzliche Krankenversicherung. Als Wahlärztin biete ich meinen Patient*innen darüber hinaus gezielte Nachkontrollen an, insbesondere wenn eine Speziallinse eingesetzt wurde oder Beschwerden wie Blendung, Doppelbilder oder ein spürbarer Sehschärfeabfall auftreten – solche Symptome sollten immer zeitnah abgeklärt werden.
Sie haben Fragen zu Ihrer eigenen Kunstlinse oder überlegen, welche Linse für Sie infrage kommt? Vereinbaren Sie gerne ein persönliches Beratungsgespräch. Mehr zur individuellen Linsenauswahl finden Sie auch auf meiner Seite zu Speziallinsen.
Häufige Fragen
Quellenverzeichnis
Eigene Publikationen der Vienna IOL Study Group
- Schartmüller D, Röggla V, Schwarzenbacher L, Meyer EL, Abela-Formanek C, Leydolt C, Menapace R. Influence of a Capsular Tension Ring on Capsular Bag Behavior of a Plate Haptic Intraocular Lens: An Intraindividual Randomized Trial. Ophthalmology. 2024 Apr;131(4):445-457. DOI
Weitere Fachliteratur
- Werner L. Intraocular Lenses: Overview of Designs, Materials, and Pathophysiologic Features. Ophthalmology. 2020 Jun 30:S0161-6420(20)30626-6. DOI