Halos, Blendung & Co.: Was Sie vor der Entscheidung für eine Speziallinse wissen sollten

Halos nach einer Multifokallinse sind kein Behandlungsfehler und keine Seltenheit — sie sind die Kehrseite eines optischen Prinzips. Jede Kunstlinse, die mehr als eine Entfernung scharf abbildet, muss das Licht auf mehrere Brennpunkte verteilen. Daraus entstehen Lichthöfe um Lichtquellen (Halos), Blendung (Glare) und etwas weniger Kontrast.

Ich spreche das bewusst vor der Operation an. Wer weiß, dass ein Lichtkranz um die Straßenlaterne in den ersten Wochen dazugehört, erlebt ihn anders als jemand, der damit nicht gerechnet hat. Dieser Beitrag erklärt, wodurch Halos entstehen, wo sie wahrscheinlich sind, was hilft, wenn sie bleiben — und für wen eine Multifokallinse nicht die richtige Wahl ist.

Warum Halos entstehen: das Sandkasten-Prinzip

Die junge natürliche Linse kann durch Änderung ihrer Form (Abkugelung oder Abflachung) und dadurch der Brechkraft jede Entfernung stufenlos scharf stellen. Dies nennt man Naheinstellungsreaktion (Akkommodation). Eine Kunstlinse ist starr und kann prinzipiell nur eine bestimmte Distanz (Brennpunkt) scharf stellen. Linsen mit mehreren Brennpunkten (Multifokallinsen) können durch Aufteilung des Lichts auf verschiedene Brennpunkte jedoch mehrere Entfernungen abbilden.

Weil das Licht aufgeteilt wird, gelangen nie 100 Prozent des Lichts in einen einzigen Brennpunkt. Genau daraus entstehen die möglichen Nebenwirkungen: Das heißt konkret Nachbilder der jeweils anderen Brennpunkte (Halos, Blendung) oder weniger Kontrast in einem Brennpunkt, weil mehr Licht anderswo gebraucht wird. Es ist wie in einem Sandkasten: Man kann den Sand (= das Licht) nur umverteilen. Wenn man an einer Stelle viel Sand aufschaufelt, fehlt er an einer anderen.

Technisch gibt es dafür zwei Wege: Refraktive Linsen nutzen die Lichtbrechung über die Form der Oberfläche, ähnlich einer Gleitsichtbrille, bei der verschiedene Bereiche verschiedene Entfernungen übernehmen. Anders als bei einer Gleitsichtbrille müssen Sie dafür aber nicht den Blick senken oder den Kopf drehen: bei der Kunstlinse wirken alle Bereiche gleichzeitig. Diffraktive Linsen nutzen die Lichtbeugung über eine mikroskopische Ringstruktur, ähnlich einem Lichtteiler.

Als Tendenz erzeugen diffraktive Designs häufiger abgegrenzte Lichtringe, refraktive eher ein weiches Verwaschen. Eine Garantie ist das nicht, auch refraktive Speziallinsen können Halos verursachen. Formulierungen wie „ohne Lichtaufteilung“ oder „kein Lichtverlust“ sind Herstellersprache; physikalisch gibt es das nicht.

In welcher Sehbereich-Kategorie Halos wahrscheinlich sind

Nicht jede Speziallinse (häufig auch Premiumlinse genannt) bringt dasselbe Risiko mit: Je mehr Entfernungen eine Linse abdecken soll, desto mehr Licht muss umverteilt werden. Die vier Kategorien sind keine Rangfolge, sondern vier verschiedene Kompromisse:

Kategorie Ohne Brille scharf Was man dafür in Kauf nehmen muss
1 — Ein Sehbereich (Monofokallinse, Einstärkenlinse) Ferne nichts; beste Bildqualität, Brille für Zwischenbereich und Lesen
2 — Leicht erweiterter Sehbereich (Monofokal-Plus-Linse, enhanced monofocal) Ferne, Ansatz Zwischenbereich sehr wenig; Brille zum Lesen, meist auch am Bildschirm
3 — Erweiterter Sehbereich (EDOF-Linse, extended depth of focus) Ferne bis Armlänge (Bildschirm, Kochen, Armaturenbrett) leichte Lichthöfe möglich, etwas weniger Kontrast; Brille für kleine Schrift
4 — Voller Sehbereich (Multifokallinse, meist trifokal) Ferne, Zwischenbereich, Nähe Lichthöfe und Blendung häufiger, Kontrast reduziert; Brille selten nötig

Innerhalb der Kategorie 4 gibt es Unterschiede: Manche Linsen dieser Gruppe haben einen sprunghaften Übergang zum Lesebereich, andere einen gleichmäßigeren Verlauf. Für die Halo-Frage ist die Kategorie der bessere Anhaltspunkt als der Produktname. Was die einzelnen Bezeichnungen bedeuten, erkläre ich ausführlich in meinem Beitrag Welche Linse passt zu mir?

Was Halos im Alltag wirklich bedeuten

Halos zeigen sich fast ausschließlich bei Dunkelheit und punktförmigen Lichtquellen: Straßenlaternen, Scheinwerfer im Gegenverkehr, Ampeln, Leuchtreklamen. Bei Tageslicht bemerken die meisten nichts davon, weil die Pupille eng ist und weniger Licht durch die äußeren Linsenbereiche fällt. Regen, nasser Asphalt und eine verschmutzte Windschutzscheibe verstärken den Effekt — die Linse ist dann nur ein Teil der Ursache.

Getrennt davon zu betrachten ist das Kontrastsehen, also die Fähigkeit, feine Helligkeitsunterschiede zu erkennen, etwa eine graue Stufe im Dämmerlicht. Es sinkt bei EDOF- und Multifokallinsen leicht, unabhängig davon, ob Halos störend sind. Kontrastsehen ist ein eigenes Thema und kein bloßes Nebenprodukt der Lichtaufteilung; ich behandle es in einem eigenen Beitrag.

Nicht jede Blendung kommt von der Linse

Berichten Patient*innen Monate nach der Operation über neue Blendung, ist die Linse oft nicht die Ursache. Vier Dinge prüfe ich zuerst:

– Restfehlsichtigkeit: Schon eine kleine unkorrigierte Hornhautverkrümmung kann punktförmige Lichter zu Strichen verziehen und verstärkt jeden Lichthof. Alle Speziallinsen wirken nur dann optimal, wenn ein eventuell vorhandener Hornhaut-Astigmatismus ebenfalls mit einer torischen Linse korrigiert wird. Relevant ist das ab etwa 0,75 bis 1,0 Dioptrien; ausführlich dazu mein Beitrag zu torischen Linsen.

– Trockene Augen: Eine unruhige Tränenfilm-Oberfläche streut Licht und macht Halos sichtbarer, oft schwankend über den Tag; mehr dazu im Beitrag zu trockenen Augen und Speziallinsen.

– Nachstar (hintere Kapseltrübung, posterior capsule opacification): Er entsteht Monate bis Jahre nach der Operation, streut Licht und wird häufig mit einem Linsenproblem verwechselt. Er lässt sich ambulant mit dem Laser behandeln. Die Nachstar-Prophylaxe ist einer der Forschungsschwerpunkte meiner Arbeitsgruppe.

– Pupillenweite und Linsenlage: Weite Pupillen bei Dunkelheit und eine minimal außerhalb der Sehachse liegende Linse verstärken Lichthöfe — beides lässt sich vorher abschätzen.

Wie ich vor der Operation abschätze, wer gefährdet ist

Halos können prinzipiell bei jedem Linsentyp auftreten, auch bei Monofokallinsen — die subjektive Wahrnehmung der Patient*innen lässt sich leider nicht garantiert vorhersagen. Gewisse Parameter können aber das Risiko gut eingrenzen: Zur Voruntersuchung gehören für mich die Pupillenweite in der Dämmerung, eine Vermessung der Hornhaut samt ihrer Regelmäßigkeit, eine Makula-Untersuchung und die Beurteilung des Tränenfilms. Wie zuverlässig solche Hornhautmessungen wiederholbar sind, haben wir in einer gemeinsamen Publikation mit internationalen Kolleg*innen 2025 selbst geprüft (PLoS One).

Genauso wichtig ist das Gespräch: Nachtfahrten pro Woche, Bildschirmzeit, Hobbys, Erwartung an Brillenfreiheit. Aus rund 1.000 Linsenoperationen pro Jahr weiß ich, dass die Zufriedenheit weniger vom Linsenmodell abhängt als davon, ob die Linse zu Ihrem Alltag passt und ob vorher offen über den Kompromiss und Alternativen gesprochen wurde.

In Österreich trägt die Krankenkasse Operation und Monofokallinse; jede Speziallinse der Kategorien 2 bis 4 ist eine Selbstzahlerleistung. Weil Sie diesen Aufpreis selbst tragen, sollten Sie vorher wissen, was Sie dafür bekommen — und was nicht. Die Kosten habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschlüsselt.

Beratungsgespräch

Sie überlegen, ob eine Speziallinse für Sie infrage kommt, und möchten die Kompromisse in Ruhe durchsprechen? Vereinbaren Sie ein Beratungsgespräch in meiner Ordination am Opernring in 1010 Wien.

Häufige Fragen zu Halos und Blendung nach einer Linsenoperation

Was sind Halos nach einer Linsenoperation?2026-08-17T21:40:52+02:00

Halos sind ringförmige Lichthöfe, die man vor allem nachts um punktförmige Lichtquellen sieht: Straßenlaternen, Scheinwerfer, Ampeln. Sie entstehen, weil eine Kunstlinse mit mehr als einem Brennpunkt das Licht aufteilt: Der Anteil, der nicht zum gerade genutzten Brennpunkt gehört, legt sich als unscharfer Lichtkranz über das scharfe Bild.

Fachlich zählen Halos zu den positiven Dysphotopsien. Davon zu unterscheiden sind Blendung (Glare), bei der eine Lichtquelle flächig überstrahlt, sternförmige Strahlen (Starbursts) und die negative Dysphotopsie, ein dunkler Schatten im äußeren Gesichtsfeld.

Wichtig: Lichthöfe sind kein reines Kunstlinsen-Phänomen. Auch Augen mit natürlicher Linse zeigen sie, und ein beginnender Grauer Star blendet meist deutlich stärker als jede Speziallinse. Viele Patient*innen empfinden das Nachtsehen nach der Operation trotz Halos als besser als vorher.

Am deutlichsten sind Halos in den ersten Wochen, wenn das Gehirn das neue Bild noch nicht verarbeitet hat. Bei EDOF- und Multifokallinsen treten sie häufiger auf als bei Monofokal- und Monofokal-Plus-Linsen — sie sind der Preis dafür, dass mehrere Entfernungen ohne Brille scharf sind.

Wie häufig treten Halos nach einer Multifokallinse auf?2026-08-17T21:39:48+02:00

Nahezu alle Patient*innen mit einer Multifokallinse nehmen in den ersten Wochen Lichthöfe wahr; dauerhaft störend bleiben sie bei einer kleinen Minderheit. Genaue Prozentangaben schwanken stark, weil sie davon abhängen, welches Linsendesign untersucht wurde, mit welchem Fragebogen gefragt wurde und wie lange nachbeobachtet wurde.

Deshalb stütze ich mich auf direkte Vergleiche am selben Patienten: In meiner Arbeitsgruppe an der MedUni Wien erhielt dabei jedes Auge eine andere Linse, sodass eine Person beide unter identischen Bedingungen verglich. In unserer Untersuchung an Augen mit einer trifokalen Linse berichteten 32% der Patient*innen von photischen Phänomenen, wie Lichthöfen, allerdings von geringer Größe und Intensität (8,8 bzw. 14,9 von 100). Am J Ophthalmol 2024

Für die Praxis lässt sich daraus eine klare Rangfolge ableiten: Bei Multifokallinsen sind Halos am häufigsten, bei EDOF Linsen seltener und meist milder, bei Monofokal- und Monofokal-Plus-Linsen spielen sie kaum eine Rolle. Wer sehr viel nachts fährt, sollte diese Reihenfolge bei der Entscheidung stärker gewichten als die Aussicht auf Brillenfreiheit beim Lesen.

Verschwinden Halos wieder von selbst?2026-08-17T21:38:01+02:00

Bei den meisten Patient*innen werden Halos innerhalb von drei bis sechs Monaten deutlich weniger störend, bei manchen dauert es bis zu einem Jahr. Physikalisch verschwindet der Lichthof nicht: Die Linse teilt das Licht unverändert auf. Was sich ändert, ist die Verarbeitung im Gehirn: Es lernt, das unscharfe Nebenbild auszublenden. Dieser Vorgang heißt Neuroadaptation.

Unterstützen lässt sich das, indem Sie in den ersten Wochen bewusst auch bei Dämmerung unterwegs sind: Vermeidung verlangsamt die Anpassung.

Zwei Dinge sage ich dabei offen: Erstens dauert Neuroadaptation Monate, nicht Tage — die ersten Wochen sind kein Maßstab für das Endergebnis. Zweitens bleibt bei einem kleinen Teil der Patient*innen eine spürbare Störung, die sich auch nach einem Jahr nicht wesentlich ändert. Deshalb muss die Entscheidung für eine EDOF- oder Multifokalinse vorher gut überlegt sein und nicht auf die Hoffnung bauen, dass sich alles von selbst gibt.

Nehmen Halos nach einer beschwerdefreien Phase wieder zu, liegt meist ein Nachstar oder ein trockenes Auge vor — beides ist gut behandelbar.

Was kann man tun, wenn Halos dauerhaft stören?2026-08-17T21:36:59+02:00

In den meisten Fällen lässt sich etwas tun, und zwar in dieser Reihenfolge: erst die Ursachen, die nichts mit dem Linsentyp zu tun haben, dann optische Hilfen, zuletzt ein Eingriff an der Linse. Ein Linsenaustausch ist die Ausnahme, nicht der erste Schritt.

Zuerst prüfe ich Restfehlsichtigkeit samt Hornhautverkrümmung, den Tränenfilm und die hintere Kapsel. Eine unkorrigierte Zylinderstärke von 0,75 Dioptrien kann Halos merklich verstärken; eine konsequente Therapie trockener Augen verändert das Bild oft deutlich. Liegt ein Nachstar (hintere Kapseltrübung) vor, lässt er sich ambulant mit dem YAG-Laser behandeln; das verbessert häufig Blendung und Kontrast gleichzeitig.

Bleibt danach eine Störung, hilft vielen eine Brille speziell für Nachtfahrten, die die Ferne exakt auskorrigiert. Pupillenverengende Augentropfen reduzieren Halos vorübergehend, sind aber eine Behelfslösung.

Erst wenn all das ausgeschöpft ist und der Alltag wirklich eingeschränkt bleibt, spreche ich über einen Linsenaustausch. Er gelingt am besten in den ersten Monaten, solange die Linse nicht fest in der Kapsel eingewachsen ist. Nach einer YAG-Behandlung wird er aufwendiger und risikoreicher — ein Grund, die Reihenfolge nicht umzustellen.

Wer sollte besser keine Multifokallinse bekommen?2026-08-17T21:36:00+02:00

Von einer Multifokallinse rate ich ab, wenn Netzhaut oder Sehnerv vorgeschädigt sind, die Hornhaut unregelmäßig ist oder der Alltag stark vom Nachtsehen bestimmt wird. Eine Multifokallinse kostet Kontrast — wer davon schon zu wenig hat, verliert mehr, als er an Brillenfreiheit gewinnt.
Konkret sind das: Makuladegeneration und andere Netzhauterkrankungen, ein fortgeschrittenes Glaukom, eine unregelmäßige Hornhaut nach Keratokonus oder früherer Laserbehandlung, sowie ausgeprägt trockene Augen, die sich nicht stabilisieren lassen. Zu Letzterem gibt es einen eigenen Beitrag, weil dieser Punkt häufig unterschätzt wird.

Hinzu kommen berufliche und persönliche Gründe: Wer nachts berufsmäßig fährt, wer weite Pupillen hat oder wer optische Nebenwirkungen kaum toleriert, ist mit Monofokal- oder Monofokal-Plus-Linsen meist zufriedener. Auch die Erwartung „völlig brillenfrei, in jeder Situation, ohne jeden Nachteil“ ist ein Ausschlusskriterium — nicht medizinisch, sondern weil sie sich nicht erfüllen lässt.

Ein Verzicht auf Multifokallinse heißt nicht, auf gutes Sehen ohne Brille zu verzichten. Für viele dieser Patient*innen ist eine Linse mit erweitertem Sehbereich die bessere Lösung, oder eine gezielte Kombination zweier Kategorien, je Auge eine (siehe mein Beitrag ‚Mix-and-Match‘).

2026-08-17T22:03:32+02:0017.08.2026|Graue Star Operation, Speziallinsen|

About the Author:

Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt ist Fachärztin für Augenheilkunde in Wien mit Spezialisierung auf Kataraktchirurgie (Grauer Star), Kunstlinsen-Implantation und refraktiven Linsentausch. Sie leitet die Vienna IOL Study Group, forscht aktiv im Bereich Premiumlinsen (torische, multifokale, EDOF- und Monofokal Plus-Linsen) und veröffentlicht regelmäßig Fachpublikationen in internationalen wissenschaftlichen Journalen. In ihrer Ordination am Opernring berät sie individuell zu Monofokal-, EDOF-, Multifokal- und torischen Linsen mit dem Ziel, bestmögliches Sehen und ein weitgehend Brillen-unabhängiges Leben zu ermöglichen. In ihren Blogbeiträgen erklärt sie aktuelle Entwicklungen in der Augenheilkunde verständlich und wissenschaftlich fundiert. Mehr über Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt und ihre Kunstlinsen-Forschung erfahren Sie hier.
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