Wer sich vor einer Grauer-Star-Operation informiert, stößt schnell auf eine Fülle von Begriffen: EDOF-Linse, Monofokal Plus, trifokal, torisch, Premiumlinse. Für die meisten Patient*innen ist auf den ersten Blick nicht klar, was diese Begriffe überhaupt bedeuten und wie diese zusammenhängen.
Eine Kunstlinse lässt sich immer anhand mehrerer, unabhängiger Merkmale beschreiben: welche Entfernungen sie scharf abbildet, wie sie das technisch erreicht, und ob sie zusätzlich eine Hornhautverkrümmung korrigiert. Wer nur den Markennamen einer Linse kennt, kennt oft nur eines dieser Merkmale. In diesem Beitrag geht es um die Begriffe selbst: was EDOF, trifokal, Monofokal Plus, Premiumlinse usw. bedeuten und warum die Bezeichnungen oft nicht eindeutig benutzt werden. Welche Linsen-Kategorie zu Ihrem persönlichen Alltag passt, ist eine andere Frage – dazu finden Sie eine Entscheidungshilfe im Beitrag „Welche Linse passt zu mir?“.
Warum es so viele Namen für Kunstlinsen gibt
Hersteller vergeben für ihre Kunstlinsen eigene Markennamen. Diese Namen verraten für sich genommen wenig darüber, welchen Sehbereich eine Linse abdeckt oder wie sie optisch funktioniert – zwei Linsen unterschiedlicher Hersteller mit ganz unterschiedlichen Namen können sich in ihren Eigenschaften stark ähneln, zwei Linsen desselben Herstellers können sich deutlich unterscheiden.
Drei Verwechslungen begegnen mir in der Praxis besonders häufig: Erstens wird „multifokal“ gleichgesetzt mit „trifokal“, dabei beschreibt „multifokal“ einfach, dass es mehrere Brennpunkte bzw. Sehbereiche gibt, und eine trifokale Linse ist eine bestimmte, sehr verbreitete Bauform innerhalb der multifokalen Familie mit drei Brennpunkten. Zweitens wird „EDOF“ gelegentlich mit „Multifokal“ gleichgesetzt, obwohl beide Kategorien einen unterschiedlichen Sehbereich abdecken. Drittens wird „Premium“ häufig als Qualitätsversprechen verstanden, dabei beschreibt der Begriff ursprünglich nur den Selbstbehalt gegenüber der Kassenleistung, nicht die medizinische Eignung für die jeweilige Person.
Die europäische Fachgesellschaft ESCRS hat deshalb 2024 eine einheitliche Klassifikation vorgeschlagen, um Kunstlinsen unabhängig vom Markennamen nach ihrem tatsächlichen Sehbereich einzuordnen. Ich orientiere mich in der Patientenaufklärung an dieser Systematik, übersetze sie aber in eine für den Alltag verständliche Sprache.
Die vier Merkmale einer Kunstlinse
Bevor sich einzelne Kategorien sinnvoll erklären lassen, lohnt sich der Blick auf die Grundstruktur: Jede Kunstlinse lässt sich anhand von vier unabhängigen Merkmalen vollständig beschreiben.
| Merkmal | Frage | Antwortmöglichkeiten |
|---|---|---|
| 1. Sehbereich | Welche Entfernungen deckt die Linse ohne Brille ab? | Kategorie 1–4: ein Sehbereich / leicht erweitert / erweitert / voller Sehbereich |
| 2. Optisches Prinzip | Wie erzeugt sie das? | refraktiv / diffraktiv / Blendenprinzip |
| 3. Zusatzkorrektur | Wird eine Hornhautverkrümmung mitkorrigiert? | torisch / nicht torisch |
| 4. Kombination beider Augen | Wie werden die zwei Augen zusammengeplant? | beidseits gleicher Linsentyp / Monovision / Mix-and-Match |
Diese vier Merkmale lassen sich beliebig kombinieren. Eine Linse ist also nie einfach „eine EDOF-Linse“ – sie ist zum Beispiel eine EDOF-Linse, refraktiv, torisch, in beiden Augen gleich. Was die vier Kategorien beim Merkmal Sehbereich konkret für Ihren Alltag bedeuten, erkläre ich im nächsten Abschnitt.
Sehbereich im Detail – die vier Kategorien einzeln erklärt
Kategorie 1 – Monofokallinse: ein Sehbereich
Eine Monofokallinse bildet nur eine einzige Entfernung scharf ab: die Ferne, praktisch ab etwa 5 bis 6 Metern. Autofahren, Fernsehen oder der Blick in die Landschaft gelingen damit ohne Brille. Für den Zwischenbereich (ca. 70 bis 100 cm – etwa Bildschirmarbeit, Kochen, Armaturenbrett) und die Nähe (ca. 30 bis 40 cm – Lesen, Handy) ist praktisch immer eine Brille nötig. Der Vorteil dieser Kategorie: Es findet keine Lichtaufteilung statt, dadurch ist die Bildqualität am höchsten und das Risiko für Halos am geringsten.
Kategorie 2 – Monofokal-Plus-Linse: leicht erweiterter Sehbereich
Die Monofokal-Plus-Linse (enhanced monofocal) bildet die Ferne weiterhin scharf ab und verlängert den scharfen Bereich etwas in den Zwischenbereich hinein, meist bis knapp unter einem Meter. Für Bildschirmarbeit reicht das oft noch nicht ganz, für Tätigkeiten auf etwas größere Zwischendistanz – etwa Kochen oder den Blick aufs Armaturenbrett – kann es bereits genügen. Zum Lesen (ca. 30 bis 40 cm) bleibt eine Brille notwendig. Die Bildqualität ist dabei nahezu unverändert gegenüber der Monofokallinse, Nebenwirkungen wie Halos sind entsprechend selten.
Kategorie 3 – EDOF-Linse: erweiterter Sehbereich
Eine EDOF-Linse (Extended Depth of Focus, erweiterte Schärfentiefe) verlängert den scharfen Bereich durchgehend von der Ferne (ab ca. 5 bis 6 Metern) bis in den Zwischenbereich (ca. 70 bis 100 cm) – damit lassen sich Bildschirmarbeit, Kochen oder der Blick aufs Armaturenbrett meist ohne Brille bewältigen. Für sehr kleine Schrift in der Nähe (unter ca. 40 cm) bleibt in der Regel eine Lesebrille nötig. Fachlich entspricht dieser erweiterte Bereich einer Schärfentiefe von rund 1,58 bis 2,3 Dioptrien – Interessierten erkläre ich das genauer im Vertiefungsabschnitt am Ende dieses Beitrags.
Kategorie 4 – Multifokallinse: voller Sehbereich
Eine Multifokallinse deckt alle drei Bereiche gleichzeitig scharf ab: Ferne (ab ca. 5 bis 6 Metern), Zwischenbereich (ca. 70 bis 100 cm) und Nähe (ca. 30 bis 40 cm). Die häufigste Bauform ist die diffraktive Trifokallinse: Sie teilt das einfallende Licht auf drei Brennpunkte auf, die genau diesen drei Bereichen entsprechen. Anders als bei einer Linse mit nur einem Brennpunkt stehen dadurch gleichzeitig mehrere scharfe Bildebenen zur Verfügung, zwischen denen sich das Gehirn den jeweils passenden Bereich selbst heraussucht. Der Kompromiss: Weil sich die Lichtmenge auf drei statt auf einen Brennpunkt verteilt, treten Lichthöfe und Blendung, vor allem bei Dunkelheit, häufiger auf als bei den anderen drei Kategorien. Ganz neu sind refraktive Multifokallinsen für den vollen Sehbereich – diese werden aktuell in unabhängigen Studien getestet.
Wie eine Linse mehrere Punkte gleichzeitig scharf abbildet: refraktiv oder diffraktiv
Jede Linse, die mehr als eine Entfernung scharf abbildet, muss das einfallende Licht verteilen – die Frage ist nicht ob, sondern wie. Dafür gibt es zwei Prinzipien:
Refraktiv bedeutet Lichtaufteilung durch Lichtbrechung, über die Form der Linsenoberfläche. Das funktioniert ähnlich wie eine Gleitsichtbrille – verschiedene Bereiche der Linse übernehmen verschiedene Entfernungen. Anders als bei einer Gleitsichtbrille müssen Sie dafür aber nicht den Blick senken oder den Kopf drehen – bei der Kunstlinse wirken alle Bereiche gleichzeitig.
Diffraktiv bedeutet Lichtaufteilung durch Lichtbeugung, über eine mikroskopische Ringstruktur auf der Linsenoberfläche. Dies lässt sich mit einem Lichtteiler vergleichen: Das Licht wird gleichzeitig auf mehrere Entfernungen verteilt, und das Gehirn sucht sich den jeweils passenden Sehbereich aus.
Beide Prinzipien kommen in mehreren Kategorien vor – „refraktiv“ ist also keine eigene Sehbereich-Kategorie, sondern eine technische Eigenschaft, die EDOF- ebenso wie Multifokallinsen haben können. Als grobe Tendenz gilt: Refraktive Linsen verursachen im Schnitt etwas seltener Halos als diffraktive – es gibt allerdings auch refraktive Linsen mit spürbaren Lichthöfen und diffraktive Linsen, die von Patient*innen als sehr gut verträglich beschrieben werden. Die pauschale Formel „refraktiv gleich beschwerdefrei“ stimmt daher nicht.
Weil das Licht aufgeteilt wird, sind nie einhundert Prozent des Lichts in einem einzigen Brennpunkt verfügbar. Genau daraus entstehen die möglichen Nebenwirkungen. Es ist wie in einem Sandkasten: Man kann den Sand nur umverteilen. Baut man an einer Stelle einen hohen Hügel, fehlt er an einer anderen.
Torische Zusatzfunktion – kurz erklärt
Zusätzlich zu jeder der vier Kategorien lässt sich eine torische Korrektur einsetzen, wenn eine Hornhautverkrümmung vorliegt. Sie ist selbst keine eigene Kategorie, sondern eine Zusatzfunktion, die sich mit allen vier Sehbereich-Kategorien und beiden optischen Prinzipien kombinieren lässt. Alle Speziallinsen wirken nur dann optimal, wenn ein eventuell vorhandener Hornhaut-Astigmatismus ebenfalls torisch korrigiert wird. Mehr dazu im Beitrag „Sind torische Linsen Standard?“.
Kombination beider Augen – kurz erklärt
Ein vierter Punkt betrifft nicht die einzelne Linse, sondern die Planung beider Augen: Meist erhalten beide Augen dieselbe Kategorie, individuell berechnet. Man kann aber auch zwei unterschiedliche Kategorien miteinander kombinieren, sodass ein Auge stärker auf die Nähe und das andere stärker auf die Ferne ausgerichtet ist (Mix-and-Match beziehungsweise Monovision). Mehr dazu im Beitrag zu Mix-and-Match.
Für technisch Interessierte: die fachliche Klassifikation im Detail
Die vier Kategorien in diesem Beitrag sind eine patientenverständliche Übersetzung der fachlichen ESCRS-Klassifikation, die den Sehbereich einer Linse anhand ihrer Defokuskurve einordnet (Ribeiro et al., Journal of Cataract & Refractive Surgery 2024, mit Konsens-Update 2026). Grundlage ist die sogenannte Schärfentiefe (Depth of Focus, DOFi), gemessen in Dioptrien bei einer Sehschärfe von 0,2 logMAR (entspricht etwa 0,63 Dezimalvisus).
| ESCRS-Begriff | Schärfentiefe / Delta-VA | Linsenkategorie | Deutsche Fachbezeichnung |
|---|---|---|---|
| Partial-DOFi: narrow | < 1,2 Dioptrien | Standard-Monofokallinse | Monofokallinse |
| Partial-DOFi: enhanced | 1,2 – < 1,58 Dioptrien | enhanced monofocal | Monofokallinse mit leicht erweiterter Schärfentiefe (Monofokal-Plus-Linse) |
| Partial-DOFi: extended | 1,58 – < 2,3 Dioptrien | EDOF | Linse mit erweiterter Schärfentiefe (EDOF) |
| Full-DOFi: continuous | Delta-VA < 0,05 logMAR | — | voller Sehbereich, kontinuierlicher Verlauf ohne ausgeprägten Nahanstieg |
| Full-DOFi: smooth | Delta-VA 0,05–0,15 logMAR | — | voller Sehbereich, gleichmäßiger Übergang zum Nahbereich |
| Full-DOFi: steep | Delta-VA > 0,15 logMAR | diffraktiv trifokal/bifokal | voller Sehbereich, abgestufter Übergang zum Nahbereich |
Innerhalb der Kategorie mit vollem Sehbereich unterscheidet die Fachliteratur zusätzlich, wie steil der Übergang zwischen Zwischen- und Nahbereich verläuft: kontinuierlich, gleichmäßig oder abgestuft. Für die praktische Entscheidung zwischen den vier Kategorien ist diese Unterteilung meist zweitrangig – wer sie dennoch bei der eigenen Linsenwahl besprechen möchte, kann das im Beratungsgespräch gerne ansprechen.
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Häufig gestellte Fragen
Eine EDOF-Linse (Extended Depth of Focus, erweiterte Schärfentiefe) gehört zur Kategorie mit erweitertem Sehbereich: Sie bildet die Ferne bis etwa Armlänge scharf ab – also Bildschirmarbeit, Kochen oder das Armaturenbrett beim Autofahren –, ohne dass dafür eine Brille nötig ist. Für sehr kleine Schrift bleibt in der Regel eine Lesebrille erforderlich. Fachlich wird die EDOF-Linse über die sogenannte Defokuskurve eingeordnet: Sie erreicht eine erweiterte Schärfentiefe von rund 1,58 bis unter 2,3 Dioptrien (ESCRS Functional Vision Working Group, Journal of Cataract & Refractive Surgery 2024 und 2026). Das unterscheidet sie sowohl von der Monofokal-Plus-Linse, die nur eine leicht erweiterte Schärfentiefe erreicht, als auch von Multifokallinsen, die einen vollen Sehbereich abdecken. Wie eine EDOF-Linse ihre Wirkung technisch erzeugt – refraktiv oder diffraktiv –, ist keine feste Eigenschaft der Kategorie: Beide Prinzipien kommen bei EDOF-Linsen vor, mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen bei Lichthöfen und Kontrastsehen. Bei stärkerer Hornhautverkrümmung lässt sich jede EDOF-Linse zusätzlich torisch einsetzen. Ob eine EDOF-Linse für Sie infrage kommt, hängt neben Ihren Sehgewohnheiten auch von der Hornhautoberfläche, der Pupillengröße und eventuellen Begleiterkrankungen ab – das prüfe ich vor jeder Empfehlung individuell.
Eine trifokale Linse gehört zur Kategorie mit vollem Sehbereich: Sie teilt das einfallende Licht diffraktiv – über eine mikroskopische Ringstruktur auf der Linsenoberfläche – gleichzeitig auf drei Brennpunkte auf: Ferne, Zwischenbereich und Nähe. Ziel ist eine weitgehende Brillenfreiheit auf allen Distanzen. Trifokale Linsen sind die häufigste Bauform innerhalb der Kategorie mit vollem Sehbereich, die umgangssprachlich oft nur „Multifokallinse“ genannt wird. Weil das Licht auf drei statt auf einen Brennpunkt verteilt wird, steht anders als bei einer Monofokallinse nie die volle Lichtmenge für einen einzigen Fokus zur Verfügung – daraus können sich Lichthöfe (Halos) und Blendung, vor allem beim nächtlichen Autofahren, sowie ein leicht reduziertes Kontrastsehen ergeben. Bei den meisten Patient*innen gewöhnt sich das Gehirn innerhalb einiger Monate daran (Neuroadaptation), bei manchen bleiben die Effekte spürbar. Trifokale Linsen lassen sich mit einer torischen Zusatzfunktion kombinieren, wenn zusätzlich eine Hornhautverkrümmung vorliegt.
Monofokal Plus – fachsprachlich „enhanced monofocal“ – bezeichnet eine Kategorie zwischen der klassischen Monofokallinse und der EDOF-Linse: Sie liefert scharfes Sehen in der Ferne und einen leicht erweiterten Übergang zum Zwischenbereich, bei nahezu unveränderter Bildqualität wie eine Standardlinse. Fachlich erreicht eine Monofokal-Plus-Linse eine erweiterte Schärfentiefe von etwa 1,2 bis unter 1,58 Dioptrien – deutlich weniger als eine EDOF-Linse. In unserer Forschungsgruppe haben wir Monofokal-Plus-Linsen direkt mit klassischen Monofokallinsen verglichen (American Journal of Ophthalmology 2024).
Der Hauptunterschied liegt im Sehbereich: Eine EDOF-Linse deckt die Ferne bis etwa Armlänge ab, eine Multifokallinse zusätzlich auch die Nähe. Unsere Forschungsgruppe hat monofokale EDOF- und trifokale Linsen im direkten Vergleich am selben Patienten untersucht (American Journal of Ophthalmology 2024): Die Fernsicht war in beiden Gruppen ähnlich gut, im Nahbereich und beim Kontrastsehen zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede zugunsten der trifokalen Linse.
„Premiumlinse“ ist in erster Linie ein Marktbegriff für Kunstlinsen mit erweitertem oder vollem Sehbereich. Er beschreibt keine objektive Qualitätsstufe, sondern den Selbstbehalt bzw. die Privatleistung, die Patient*innen bei diesen Linsentypen in Österreich zusätzlich zur Operation tragen, wobei es derzeit in Wien im öffentlichen Krankenkassenbereich kein Zuzahlsystem gibt. Auf meiner Website verwende ich stattdessen meist den neutraleren Begriff „Speziallinse“.