Brille nach der Grauer-Star-Operation: wann und welche?

Nach einer Grauer-Star-Operation stellt sich für viele Patientinnen und Patienten eine sehr praktische Frage: Brauche ich jetzt überhaupt noch eine Brille und wenn ja, ab wann kann ich sie anpassen lassen? Die Antwort hängt vor allem davon ab, welche Kunstlinse eingesetzt wurde und wie der Heilungsprozess Ihres Auges in den ersten Wochen nach dem Eingriff verläuft. Ich erkläre im Folgenden, was in dieser Phase tatsächlich passiert, worauf es bei der neuen Brille ankommt und wann auch Kontaktlinsen wieder eine Option sind.

Warum sich die Sehstärke durch die Operation überhaupt verändert

Bei der Grauer-Star-Operation wird die getrübte natürliche Linse entfernt und durch eine Kunstlinse ersetzt. Damit ändert sich die optische Brechkraft des Auges grundlegend — Ihre bisherige Brille passt danach in aller Regel nicht mehr. Wie gut Sie anschließend ohne Brille sehen, hängt entscheidend vom gewählten Linsentyp und einer eventuell zusätzlich vorliegenden Hornhautverkrümmung ab: Eine klassische monofokale Standardlinse liefert scharfes Sehen meist nur auf eine Distanz, während Speziallinsen wie torische Linsen, Monofokal-Plus-, EDOF- oder Multifokallinsen einen größeren Seh-Bereich ohne Brille ermöglichen können. Damit die spätere Brillenstärke von vornherein so gering wie möglich ausfällt, berechne ich die Kunstlinse bereits vor der Operation anhand präziser biometrischer Messungen. Welche Linse für Sie persönlich infrage kommt, bespreche ich mit Ihnen ausführlich bei der Voruntersuchung. Dort erkläre ich auch, welche Kompromisse jeder Linsentyp mit sich bringt (mehr dazu im Artikel „Welche Linse passt zu mir?“).

Wie lange dauert es, bis die Sehstärke stabil ist?

In den ersten Tagen nach der Operation schwankt die Sehschärfe häufig noch, weil die Hornhaut nach dem Eingriff häufig noch geschwollen und die Augenoberfläche nicht stabil ist. Die tatsächliche Brechkraft des Auges, die sogenannte Refraktion, ist erfahrungsgemäß im Schnitt nach rund zwei Wochen ausreichend stabil (American Academy of Ophthalmology), in Einzelfällen, etwa bei stärkerer Schwellung, kann es auch länger dauern. Wie rasch sich Hornhaut und Augenoberfläche beruhigen, hängt auch von individuellen Faktoren wie trockenen Augen oder dem allgemeinen Heilungsverlauf ab (mehr dazu im Artikel zur Nachsorge nach der Grauer-Star-Operation). Bei torischen Linsen kann es außerdem noch in den ersten Wochen durch eine mögliche Rotation im Auge zu einer Änderung des Astigmatismus-Wertes kommen. Der Nachkontrolltermin dient genau diesem Zweck: Ich prüfe dabei mit einer Refraktionsmessung, ob sich Ihr Wert im Vergleich zur ersten postoperativen Messung noch verändert hat. Eine neue Brille sollte erst angepasst werden, wenn sich dieser Wert nicht mehr wesentlich verändert. Sonst besteht das Risiko, dass die neue Brille bereits nach kurzer Zeit wieder nicht mehr passt.

Übergangszeit: Ist eine Brille von der Stange sinnvoll?

In den Wochen bis zur stabilen Refraktion fragen mich viele Patientinnen und Patienten, ob eine fertige Lesebrille aus der Drogerie oder Apotheke für die Übergangszeit ausreicht. Für die reine Leseunterstützung kann das kurzfristig funktionieren, solange keine nennenswerte Hornhautverkrümmung oder ein deutlicher Stärkeunterschied zwischen beiden Augen vorliegt. Bei torischer Kunstlinse oder wenn zunächst nur ein Auge operiert ist, stößt eine Fertiglesebrille jedoch rasch an ihre Grenzen: Sie kann weder Astigmatismus korrigieren noch den unterschiedlichen Seheindruck zwischen zwei Augen ausgleichen. In diesen Fällen fertige ich bei Bedarf eine individuelle Übergangsbrille an, die exakt auf den aktuellen Zwischenstand abgestimmt ist und nach der zweiten Operation beziehungsweise nach vollständiger Stabilisierung durch die endgültige Brille ersetzt wird. Ob eine solche Zwischenlösung in Ihrem Fall sinnvoll ist, bespreche ich mit Ihnen bereits bei der Voruntersuchung, gemeinsam mit den übrigen Linsenoptionen.

Sie möchten besprechen, welche Brille oder welche Linsenlösung für Sie nach der Grauer-Star-Operation sinnvoll ist? Vereinbaren Sie ein persönliches Beratungsgespräch. Mehr zu meinem Hintergrund als Kataraktchirurgin und Leiterin der Vienna IOL Study Group finden Sie auf meiner Autorenseite.

Häufige Fragen zur Brille nach der Grauer-Star-Operation:

Kann ich nach der Operation weiterhin Kontaktlinsen tragen?2026-07-26T19:33:32+02:00

Grundsätzlich ja: sobald Ihr Auge verheilt und Ihre neue Sehstärke stabil ist, spricht in der Regel nichts gegen das Tragen von weichen oder formstabilen Kontaktlinsen. In den ersten Wochen nach der Operation, meist bis zur Nachkontrolle nach etwa zwei bis vier Wochen, sollten Sie damit aber warten, bis ich Ihnen grünes Licht gebe.
Da sich Ihre Brechkraft durch die neue Kunstlinse verändert hat, benötigen Ihre bisherigen Kontaktlinsen fast immer eine neue Stärke, daher ist eine Neuanpassung also ohnehin notwendig. Wurde eine torische Kunstlinse eingesetzt, sollten Sie zusätzliche Kontaktlinsen besonders sorgfältig mit mir abstimmen, damit sich die Korrekturen nicht gegenseitig stören. Da das Auge nach der Operation vorübergehend etwas trockener sein kann, ist in dieser Phase auf gute Benetzung und jedenfalls sorgfältige Hygiene zu achten. Melden Sie sich bei Rötung, Schmerzen oder Sehverschlechterung unter Kontaktlinsen in dieser Phase frühzeitig.

Wer bezahlt die Brille nach der Grauen-Star-Operation?2026-07-26T19:31:50+02:00

Die Brille nach der Operation zahlen Sie in Österreich in aller Regel selbst. Die Krankenkasse, wie ÖGK übernimmt Sehbehelfe für Erwachsene nur in eng definierten Ausnahmefällen, nicht routinemäßig nach einer Kataraktoperation. Manche private Zusatzversicherungen bieten hier einen Zuschuss, das hängt vom jeweiligen Tarif ab; einen pauschalen Erstattungsbetrag gibt es nicht, da sich die Bedingungen von Anbieter zu Anbieter stark unterscheiden. Bewahren Sie Rechnung und Rezept der neuen Brille auf, da manche Zusatzversicherungen eine Kostenbeteiligung nur bei fristgerechter Einreichung gewähren.
Unabhängig von der Brille gilt: Auch die Kosten der Operation selbst setzen sich aus mehreren Faktoren zusammen, etwa ob Sie über die Kasse oder als Privatpatient behandelt werden und ob eine Speziallinse gewählt wird. Eine ausführliche Übersicht zu Kassenleistung, Wahlarzt-Honorar und Linsenkosten finden Sie im Artikel „Was kostet die Grauer-Star-Operation in Österreich?“. Klären Sie am besten vorab direkt mit Ihrer Zusatzversicherung, ob und in welcher Höhe eine Brille nach der Operation mitversichert ist.

Werde ich mit einer Multifokallinse völlig brillenfrei?2026-07-26T19:29:50+02:00

Viele Patientinnen und Patienten kommen mit einer Multifokallinse im Alltag weitgehend ohne Brille aus — eine Garantie für vollständige Brillenfreiheit gibt es aber nicht. Bei schwachem Licht, sehr kleiner Schrift oder bestimmten Sehaufgaben kann trotzdem gelegentlich eine Lesebrille hilfreich sein.
Multifokallinsen oder auch Linsen für den vollen Sehbereich (FRV, full-range-of-vision) teilen das einfallende Licht auf mehrere Brennpunkte auf, um Ferne, Zwischendistanz und Nähe gleichzeitig abzudecken. Das gelingt sehr gut, bringt aber bei manchen Patient*innen optische Nebenwirkungen wie Lichthöfe (Halos) oder ein leicht reduziertes Kontrastsehen mit sich, besonders beim nächtlichen Autofahren. Bei den meisten Patient*innen gewöhnt sich das Gehirn innerhalb einiger Monate an diese Effekte (Neuroadaptation), bei manchen bleiben sie jedoch spürbar. Nach meiner Erfahrung aus mehreren tausend Linsenoperationen kommen die meisten Betroffenen gut damit zurecht, wenn die Indikation vor der Operation sorgfältig geprüft wurde. Ob eine Multifokallinse für Sie geeignet ist, hängt außerdem von Ihrer Augengesundheit ab, etwa von Hornhaut, Pupille und eventuellen Begleiterkrankungen. Ich bespreche diese Abwägung offen mit Ihnen, bevor eine Entscheidung fällt, statt Brillenfreiheit bedenkenlos zu versprechen.

Wann kann ich nach der Operation eine neue Brille anpassen lassen?2026-07-26T19:24:17+02:00

In der Regel etwa zwei bis vier Wochen nach der Operation, sobald sich Ihre Refraktion bei der Nachkontrolle als stabil erweist. Eine frühere Anpassung ist meist nicht sinnvoll, weil sich der Wert in den ersten Tagen noch verändern kann.
Werden beide Augen auf einmal operiert, kann eine neue Brille in eben diesem Zeitrahmen angepasst werden. Wenn Ihre Augen zweizeitig operiert werden (üblicherweise liegt zwischen den beiden Operationen ein Abstand von ein bis zwei Wochen) empfehle ich, mit der endgültigen Brille bis nach dem zweiten Eingriff zu warten, da sich sonst die Sehwerte zwischen den Augen deutlich unterscheiden können. Bei der Nachkontrolle bestimme ich die Refraktion und vergleiche sie mit dem Vorwert, um sicherzugehen, dass er sich nicht mehr wesentlich verschiebt. Bei Bedarf lässt sich für die Übergangszeit zusätzlich eine provisorische Einstärkenbrille anfertigen. Wer beruflich oder im Alltag dringend auf gutes Sehen angewiesen ist, etwa für Bildschirmarbeit oder Autofahren, kann in dieser Zwischenzeit auch auf eine einfache Lesehilfe von der Stange zurückgreifen, sofern keine torische Korrektur notwendig ist.

Brauche ich nach der Operation noch eine Brille?2026-07-26T19:23:30+02:00

Das hängt in erster Linie vom eingesetzten Linsentyp und von Ihren individuellen Augenbefunden ab. Mit einer klassischen monofokalen Linse benötigen Sie für die Nähe und meist auch für den Zwischenbereich weiterhin eine Brille, während Speziallinsen den Brillenbedarf deutlich reduzieren können — vollständig aufheben lässt er sich nicht in jedem Fall.

Monofokal-Plus-Linsen erweitern den scharfen Bereich leicht, eine Lesebrille ist jedoch meist weiterhin notwendig. Linsen für den erweiterten Sehbereich (EDOF-Linsen) decken Ferne und Zwischendistanz gut ab, etwa für Bildschirmarbeit; kleine Schrift erfordert oft weiterhin eine Lesebrille. Linsen für den vollen Sehbereich (refraktive oder diffraktive multifokale Linsen) ermöglichen die größte Brillenunabhängigkeit über mehrere Distanzen, allerdings um den Preis möglicher optischer Nebenwirkungen wie Blendung oder Halos. Bei stärkerer Hornhautverkrümmung kommt zusätzlich eine torische Ausführung infrage. Auch die individuelle Augengesundheit, wie Hornhautoberfläche, Pupillengröße oder Begleiterkrankungen spielen eine Rolle dabei, welche Linse und damit welcher Brillenbedarf für Sie realistisch ist. In diese Einschätzung fließt neben dem Befund auch meine Erfahrung aus rund 1.000 Linsenoperationen pro Jahr ein, damit die Erwartung an spätere Brillenfreiheit realistisch bleibt. Eine ausführliche Entscheidungshilfe finden Sie im Artikel „Welche Linse passt zu mir?“

2026-07-30T23:40:42+02:0026.07.2026|Graue Star Operation|

About the Author:

Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt ist Fachärztin für Augenheilkunde in Wien mit Spezialisierung auf Kataraktchirurgie (Grauer Star), Kunstlinsen-Implantation und refraktiven Linsentausch. Sie leitet die Vienna IOL Study Group, forscht aktiv im Bereich Premiumlinsen (torische, multifokale, EDOF- und Monofokal Plus-Linsen) und veröffentlicht regelmäßig Fachpublikationen in internationalen wissenschaftlichen Journalen. In ihrer Ordination am Opernring berät sie individuell zu Monofokal-, EDOF-, Multifokal- und torischen Linsen mit dem Ziel, bestmögliches Sehen und ein weitgehend Brillen-unabhängiges Leben zu ermöglichen. In ihren Blogbeiträgen erklärt sie aktuelle Entwicklungen in der Augenheilkunde verständlich und wissenschaftlich fundiert. Mehr über Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Christina Leydolt und ihre Kunstlinsen-Forschung erfahren Sie hier.
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