Zur Verbesserung des Sehens und möglicher Brillenfreiheit nach der Grauer-Star-Operation mittels Speziallinsen gibt es verschiedene Lösungen. Zwei Optionen dafür sind die Monofokal-Plus-Linse und die EDOF-Linse. Beide verbessern die Sehqualität gegenüber einer Standard-Monofokallinse, unterscheiden sich aber in Funktionsweise, Sehbereich und den jeweiligen Vor- und Nachteilen. Dieser Beitrag vertieft die Entscheidungshilfe aus „Welche Linse passt zu mir?“ und stellt die beiden Optionen direkt gegenüber.
Monofokal-Plus-Linsen: Vorteile und Nachteile
Die Monofokal-Plus-Linse (enhanced monofocal) ist eine Weiterentwicklung der klassischen Monofokallinse, die traditionell zum Ersatz der natürlichen Linse nach einer Kataraktoperation verwendet wird. Während eine Standard-Monofokallinse einen Fokus liefert – eine scharfe Distanz, meist die Ferne –, bietet die Monofokal-Plus-Linse eine leicht erweiterte Schärfentiefe, ohne dass dafür Licht auf mehrere Brennpunkte aufgeteilt wird.
Vorteile von Monofokal-Plus-Linsen
– Verbesserte Zwischenentfernung:Ohne Brille scharf sehen Sie die Ferne und den Ansatz des Zwischenbereichs (etwa 70–100 cm) – etwa für Bildschirmarbeit von Vorteil.
– Geringere Abhängigkeit von Brillen: Im Vergleich zur reinen Monofokallinse benötigen Sie seltener eine Brille für den Zwischenbereich – besonders in Kombination mit einer Monovision-Strategie (zwei Linsen derselben Kategorie, ein Auge auf Ferne, ein Auge auf Nähe eingestellt; mehr dazu in „Welche Linse passt zu mir?“).
– Wenig Nebenwirkungen: Das Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich kaum von einer Standard-Monofokallinse, weil nur die bestehende Brechkraftfläche geringfügig erweitert wird. In unserer intraindividuellen Vergleichsstudie zur asphärischen Standardlinse derselben Plattform (Am J Ophthalmol 2024) fanden wir eine um rund 0,3 Dioptrien größere Schärfentiefe (1,23 D gegenüber 0,94 D) und keinen Unterschied im Kontrastsehen zur Standardlinse.
Nachteile von Monofokal-Plus-Linsen
– Nahsicht bleibt eingeschränkt:Für Lesen und meist auch für Bildschirmarbeit in Griffnähe bleibt eine Brille nötig.
– Kein vollständiger Übergang zwischen den Entfernungen: Die Sehqualität im Zwischenbereich ist verbessert, reicht aber nicht an EDOF- oder Multifokallinsen heran.
EDOF-Linsen: Vorteile und Nachteile
EDOF-Linsen (Extended Depth of Focus, erweiterte Schärfentiefe) sind speziell entwickelte Intraokularlinsen, die eine erweiterte Schärfentiefe bieten: Ein Objekt wird nicht nur in einer bestimmten Distanz scharf gesehen, sondern über einen breiteren Sehbereich. Im Gegensatz zur klassischen Monofokallinse ermöglichen sie eine durchgängige Schärfe von der Ferne bis zum Zwischenbereich und können die Notwendigkeit einer Lesebrille reduzieren.
Vorteile von EDOF-Linsen
– Breiter Sehbereich: Scharfe Sicht von der Ferne bis zum Zwischenbereich, etwa bis Armlänge, in dem viele Alltagsaktivitäten stattfinden.
– Weniger optische Nebenwirkungen als Multifokallinsen: Halos und Blendung sind bei EDOF-Linsen in der Regel schwächer ausgeprägt.
– Geringere Abhängigkeit von Brillen: Für den Zwischenbereich ist meist keine Brille nötig, nur für sehr kleine Schrift oder bei schlechter Beleuchtung.
Nachteile von EDOF-Linsen
– Eingeschränkte Nahsicht: Für kleine Schrift oder sehr nahe Arbeiten wird meist eine Lesebrille benötigt.
– Leicht erhöhte Blendempfindlichkeit: Gelegentliche Halos, vor allem bei Nachtfahrten.
Anders als oft dargestellt, ist „EDOF“ kein optisches Prinzip, sondern nur eine Sehbereich-Kategorie. Erreicht wird sie entweder refraktiv – die Lichtaufteilung erfolgt über die Form der Linsenoberfläche, ähnlich wie bei einer Gleitsichtbrille verschiedene Bereiche der Linse verschiedene Entfernungen übernehmen (anders als bei der Brille müssen Sie dafür aber weder Kopf noch Blick senken, weil bei der Kunstlinse alle Bereiche gleichzeitig wirken) – oder diffraktiv, über eine mikroskopische Ringstruktur, die das Licht wie ein Lichtteiler gleichzeitig auf mehrere Entfernungen verteilt. Beide Varianten kommen bei EDOF-Linsen vor; refraktive Varianten sind tendenziell weniger pupillenabhängig, diffraktive robuster gegenüber einer Dezentrierung im Auge – eine pauschale Überlegenheit einer Variante gibt es nicht.
Der Grund für die möglichen Nebenwirkungen lässt sich mit einem Sandkasten vergleichen: Weil das Licht aufgeteilt wird, sind nie 100 Prozent davon in einem einzigen Brennpunkt. Baut man an einer Stelle einen höheren Hügel – mehr Schärfe im Zwischenbereich –, fehlt der Sand an anderer Stelle. Genau daraus entstehen die möglichen Halos und das reduzierte Kontrastsehen.
Sehbereich im Vergleich
Die folgende Tabelle stellt ausschließlich den Sehbereich gegenüber – das optische Prinzip (refraktiv/diffraktiv) ist davon unabhängig und oben separat erklärt:
| Merkmal | Monofokal-Plus | EDOF |
|---|---|---|
| Ohne Brille scharf | Ferne, Ansatz Zwischenbereich | Ferne bis Armlänge |
| Brille nötig für | Lesen, meist Bildschirm | kleine Schrift |
| Was man dafür in Kauf nimmt | kaum mehr als bei Standard-Monofokallinse | gelegentlich Lichthöfe, etwas weniger Kontrast |
Torisch: bei beiden Optionen möglich
Beide Linsentypen lassen sich zusätzlich torisch ausführen. Alle Linsen wirken nur dann optimal, wenn ein eventuell vorhandener Hornhaut-Astigmatismus ebenfalls mit einer torischen Linse korrigiert wird – unabhängig vom Linsentyp. Ab welcher Stärke sich eine torische Zusatzkorrektur lohnt, lesen Sie in „Sind torische Linsen Standard?“.
Wie ich zur Empfehlung komme
Der Wunsch nach mehr Brillenfreiheit ist die eine Seite der Entscheidung, die objektive Augengesundheit die andere. Vor jeder Empfehlung prüfe ich unter anderem die Hornhautoberfläche, die optischen Eigenschaften der Hornhaut, die Pupillengröße unter verschiedenen Lichtbedingungen und mögliche Begleiterkrankungen wie ausgeprägt trockene Augen. Die vollständige Entscheidungshilfe mit allen Linsenkategorien finden Sie in „Welche Linse passt zu mir?“.
Sie möchten besprechen, ob für Sie eine Monofokal-Plus- oder eine EDOF-Linse infrage kommt? Vereinbaren Sie ein persönliches Beratungsgespräch. Mehr zu meiner Forschung an der Vienna IOL Study Group finden Sie auf meiner Über-mich-Seite.
Studien zu diesem Beitrag
- Danzinger V, Schartmüller D, Lisy M, Schranz M, Schwarzenbacher L, Abela-Formanek C, Menapace R, Leydolt C. Intraindividual Comparison of an Enhanced Monofocal and an Aspheric Monofocal Intraocular Lens of the Same Platform. Am J Ophthalmol. 2024 May;261:95–102. PubMed
- Danzinger V, Schartmüller D, Lisy M, Schranz M, Abela-Formanek C, Menapace R, Leydolt C. Prospective Fellow-Eye Comparison of a Spherical Monofocal and an Enhanced Monofocal Intraocular Lens in Intermediate and Near Vision. J Refract Surg. 2025 Apr;41(4):e382–e390. DOI
Unsicher, ob eher eine Monofokal-Plus- oder eine EDOF-Linse zu Ihnen passt? Der kurze Selbsttest gibt Ihnen eine erste Orientierung – in rund 2 Minuten.
Eine Monofokal-Plus-Linse ist meist die bessere Wahl, wenn Ihnen kontrastreiches, möglichst nebenwirkungsarmes Sehen wichtiger ist als größtmögliche Brillenfreiheit im Zwischenbereich – etwa bei viel nächtlichem Autofahren oder wenn Sie beruflich auf maximale Kontrastschärfe angewiesen sind. Sie erweitert die Schärfentiefe gegenüber einer Standard-Monofokallinse nur leicht, ohne dass Licht auf mehrere Brennpunkte aufgeteilt wird. Dadurch bleibt das Nebenwirkungsprofil dem einer klassischen Monofokallinse sehr ähnlich – das zeigt auch unsere intraindividuelle Vergleichsstudie zur asphärischen Standardlinse derselben Plattform (Am J Ophthalmol 2024) in der wir keinen Unterschied im Kontrastsehen (Ferne und Nähe) zu der monofokalen Standardlinse gezeigt haben.
Für Patient*innen, die häufig am Bildschirm arbeiten oder im Alltag mehr Unabhängigkeit von der Lesebrille wünschen, ist dagegen eine EDOF-Linse meist die passendere Wahl, auch wenn dafür gelegentliche leichte Lichthöfe in Kauf genommen werden müssen. Auch Hornhautoberfläche, Pupillengröße und eventuelle Begleiterkrankungen wie trockene Augen spielen in die Empfehlung hinein – deshalb erfolgt die endgültige Wahl erst nach der augenärztlichen Untersuchung, nicht allein nach dem geäußerten Wunsch.
Eine Monofokal-Plus-Linse verbessert vor allem den Ansatz des Zwischenbereichs, also etwa Armlänge – die echte Nahsicht zum Lesen kleiner Schrift bleibt dagegen eingeschränkt. Für das Lesen in der Nähe oder in der näheren Zwischendistanz brauchen die meisten Patient*innen weiterhin eine Brille.
Das liegt an der Definition der Linsenkategorie: Nach der aktuellen ESCRS-Klassifikation gilt eine Linse als „enhanced“ (Monofokal-Plus), wenn ihre Schärfentiefe zwischen 1,2 und unter 1,58 Dioptrien liegt – deutlich weniger als bei einer EDOF-Linse (ab 1,58 Dioptrien) oder einer Multifokallinse. In unserer eigenen Studie zur Zwischenbereich- und Nahleistung dieser Linsenkategorie (J Refract Surg 2025) haben wir eine Schärfentiefe von 1,23 Dioptrien für eine Monofokal-Plus-Linse verglichen zu 0,94 Dioptrien für eine Monofokallinse zeigen können.
Realistisch heißt das: Zeitungslektüre oder Handy/Tablet sind ohne Lesebrille meist nicht komfortabel möglich. Wer auf diesen letzten Schritt zur Brillenfreiheit nicht verzichten möchte, sollte eher eine EDOF- oder eine Multifokallinse in Betracht ziehen – wohl wissend, dass damit ein anderes Nebenwirkungsprofil verbunden ist.
Ja, aber deutlich seltener und schwächer als bei EDOF- oder Multifokallinsen: Weil eine Monofokal-Plus-Linse das Licht nicht auf mehrere Brennpunkte verteilt, sondern nur die vorhandene Schärfentiefe geringfügig erweitert, bleibt das Halo-Risiko nahe an dem einer Standard-Monofokallinse.
Halos und Blendung entstehen grundsätzlich dann, wenn Licht bewusst aufgeteilt wird, um mehr als eine Entfernung scharf abzubilden – das betrifft EDOF-Linsen und vor allem Multifokallinsen deutlich stärker. Bei der Monofokal-Plus-Linse findet diese Aufteilung nicht in vergleichbarem Ausmaß statt, weshalb sie in dieser Hinsicht näher an einer klassischen Monofokallinse liegt als an einer echten Speziallinse mit mehreren Brennpunkten.
Völlig ausschließen lässt sich eine gewisse Blendempfindlichkeit bei keiner Kunstlinse, auch nicht bei der Standard Monofokallinse. Relevant für das tatsächliche Risiko sind außerdem die Pupillengröße bei Dunkelheit und die Hornhautqualität – beides prüfe ich vor jeder Empfehlung. Bei sehr großen Pupillen oder unregelmäßiger Hornhaut rate ich unabhängig vom Linsentyp zur Vorsicht bei allen Speziallinsen.
Ja, für Bildschirmarbeit sind EDOF-Linsen gut geeignet: Der scharfe Bereich reicht von der Ferne bis etwa Armlänge, also genau die Distanz von Laptop, Desktop-Monitor oder Tablet – meist ohne Brille.
Die Linsenkategorie „EDOF“ steht für „Extended Depth of Focus“: Nach der ESCRS-Systematik liegt die Schärfentiefe hier zwischen 1,58 und unter 2,3 Dioptrien. Für sehr kleine Schrift, etwa Beipackzettel oder Kleingedrucktes, wird trotzdem meist eine Lesebrille benötigt, weil der Nahbereich unter Armlänge nicht vollständig abgedeckt ist.
Ob die Wahl auf eine refraktive oder eine diffraktive EDOF-Linse fällt, wirkt sich zusätzlich auf das Ergebnis aus: Refraktive Varianten sind tendenziell weniger pupillenabhängig, diffraktive robuster gegenüber einer Dezentrierung im Auge – ein pauschales „die eine ist besser“ gibt es hier nicht. Gemeinsam ist beiden Varianten, dass gelegentliche Lichthöfe bei Dunkelheit möglich sind, etwa bei Nachtfahrten mit Gegenverkehr. Für Menschen, die beruflich stundenlang am Bildschirm sitzen und selten nachts fahren, ist das in der Regel ein guter Kompromiss.
Eine einzelne Studie, die ausschließlich Monofokal-Plus- gegen EDOF-Linsen direkt in derselben Kohorte vergleicht, gibt es aus unserer Forschungsgruppe bisher nicht – wir haben beide Linsenkategorien bislang getrennt untersucht, jeweils im Vergleich zu einer anderen Kategorie.
Zur Monofokal-Plus-Linse liegen zwei eigene Arbeiten vor: ein intraindividueller Vergleich zur asphärischen Standard-Monofokallinse derselben Plattform (Am J Ophthalmol 2024) und eine Untersuchung speziell zur Zwischen- und Nahleistung (J Refract Surg 2025). Zur EDOF-Kategorie haben wir unter anderem den direkten Vergleich zwischen einer EDOF- und einer trifokalen EDOF-Linse untersucht (Am J Ophthalmol 2024, November). Diese Studien beschreiben die einzelnen Linsenkategorien also jeweils genau, aber keine davon stellt eine Monofokal-Plus- direkt einer EDOF-Linse in derselben Patientengruppe gegenüber.
Für die direkte Gegenüberstellung stützen wir uns daher auf die publizierten Defokuskurven beider Kategorien und auf die aktuelle ESCRS-Klassifikation (Ribeiro et al., JCRS 2024), die beide Linsenarten anhand derselben Messgröße – der Schärfentiefe bei 0,2 logMAR – vergleichbar macht. Ein direkter intraindividueller Vergleich beider Linsenkategorien ist ein künftiges Studienprojekt der Vienna IOL Study Group, aber derzeit noch nicht abgeschlossen.