Vor einer Operation des Grauen Stars stellt mir fast jede Patientin und jeder Patient dieselbe Frage: Brauche ich nach der Operation noch eine Brille und, wenn ja, wofür? Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Sie hängt von der gewählten Linse, von der Planung beider Augen und von den individuellen Voraussetzungen ab. Genau damit beschäftigt sich unsere Forschungsgruppe, die Vienna IOL Study Group, an der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Medizinischen Universität Wien. In einer neuen Studie im Journal of Cataract & Refractive Surgery haben wir untersucht, wie sich eine Monofokal Plus Linse verhält, wenn beide Augen bewusst leicht unterschiedlich mittels sogenannter Mini-Monovision eingestellt werden.
Was sind Monofokal-Plus-Linsen?
Eine Monofokal-Plus-Linse (enhanced monofocal; partial-DoFi enhanced, Teil-DoFi gering erweitert; DoFi = depth of field, funktionelle Schärfentiefe) ist eine Speziallinse. Wie eine klassische Monofokallinse (Einstärkenlinse) ist sie auf die Ferne ausgelegt, bietet aber eine leicht erweiterte Schärfentiefe. Der Sehbereich reicht dadurch etwas weiter in den Zwischenbereich, also in Richtung Armlänge. Zum Lesen und oft auch für den Bildschirm bleibt dabei in der Regel eine Brille nötig. Die Wirkung von Monofokal-Plus-Linsen entsteht über die Form der Oberfläche (refraktiv), nicht über eine Beugungsstruktur.
Multifokallinsen (meist trifokal) arbeiten anders: Sie verteilen das Licht über eine mikroskopische Ringstruktur (diffraktiv, also durch Lichtbeugung) gleichzeitig auf mehrere Entfernungen und ermöglichen so einen vollen Sehbereich von der Ferne bis in die Nähe. Der Preis dafür sind häufiger Lichthöfe (Halos) und Blendung sowie ein geringerer Kontrast. Denn jede Linse, die mehr als eine Entfernung scharf abbildet, muss das Licht aufteilen. Weil das Licht aufgeteilt wird, sind nie 100 % in einem einzigen Brennpunkt. Es ist wie in einem Sandkasten: Man kann den Sand nur umverteilen. Wenn man an einer Stelle einen hohen Hügel baut, fehlt er an einer anderen. Bei einer Monofokal-Plus-Linse fällt dieser Kompromiss meist klein aus. Den Unterschied zu EDOF-Linsen (extended depth of focus, erweiterte Schärfentiefe, Teil-DoFi erweitert) erkläre ich in einem eigenen Beitrag.
Wie funktioniert Mini-Monovision?
Monovision ist keine Linsenart, sondern eine Planungsstrategie für beide Augen: Ein Auge wird auf die Ferne eingestellt, das andere auf eine etwas nähere Distanz und das Gehirn führt beide Bilder zu einem Seheindruck zusammen. Bei der Mini-Monovision ist der Unterschied bewusst klein. In unserer Studie war das dominante Auge auf die Ferne eingestellt, das nichtdominante Auge auf eine leichte Kurzsichtigkeit von etwa −0,75 bis −1,25 Dioptrien. In beiden Augen wurde dieselbe Linse implantiert. Das ist etwas anderes als Mix-and-Match, bei dem zwei Linsen mit unterschiedlichem Sehbereich kombiniert werden.
Der mögliche Vorteil: Der scharfe Bereich verschiebt sich ein Stück in Richtung Nähe, ohne dass die Linse selbst mehr Licht aufteilen muss. Die Abwägung: Nicht jeder Mensch verträgt einen Unterschied zwischen beiden Augen gleich gut, und das räumliche Sehen kann eventuell darunter leiden.
Was haben wir in unserer Studie untersucht?
Es handelt sich um eine prospektive klinische Studie an einem einzigen Zentrum, der Medizinischen Universität Wien. 50 Patientinnen und Patienten ab 50 Jahren, im Mittel 72 Jahre alt, erhielten zwischen September 2024 und Oktober 2025 in beiden Augen die untersuchte Monofokal-Plus-Linse. Ausgeschlossen waren frühere Augenoperationen, Glaukom, Erkrankungen der Makula und ein Astigmatismus über 1,0 Dioptrien. 49 Personen (98 Augen) konnten die Abschlussuntersuchung im Mittel nach rund zwei Monaten abschließen.
Das wichtigste Studienziel war die Sehschärfe ohne Brille mit beiden Augen im Zwischenbereich von 66 Zentimetern Entfernung, ungefähr dem Abstand zum Bildschirm. Zusätzlich erfassten wir Fern- und Nahsehen, den Verlauf der Sehschärfe über verschiedene Entfernungen (Defokuskurve), das räumliche Sehen, Lichtphänomene und mit einem Fragebogen die Alltagstauglichkeit des Sehens.
Was zeigen die Ergebnisse?
Die Sehschärfe geben wir in logMAR an: 0,0 entspricht einem Visus von 1,0 (100 %), 0,2 etwa einem Visus von 0,6 (60 %). Ohne Brille und mit beiden Augen gemeinsam erreichten die Teilnehmenden im Mittel:
| Entfernung | Sehschärfe (logMAR) | entspricht etwa Visus |
|---|---|---|
| Ferne (4 Meter) | 0,02 | 0,95 (95 %) |
| 80 Zentimeter | 0,03 | 0,93 (93 %) |
| 66 Zentimeter (Hauptziel) | 0,05 | 0,9 (90 %) |
| Nähe (40 Zentimeter) | 0,20 ± 0,11 | 0,6 (60 %) |
Die Defokuskurve zeigt eine Schärfentiefe von 2,72 Dioptrien (bei 0,2 logMAR oder besser). Das entspricht einem Bereich von der Ferne bis in eine Entfernung von etwa 45 Zentimetern.
Die Ergebnisse spiegeln auch den Alltag mit dieser Linse wider: Im Fragebogen (VF-7) gaben 94 % an, beim Lesen kleiner Schrift keine Schwierigkeiten zu haben, genauso wie 98 % beim Fernsehen, beim Lesen von Straßenschildern und bei feinen Handarbeiten. Niemand berichtete große Schwierigkeiten. Nachdem wir Beispielbilder für Halos, Blendung und Lichtstreifen (Starbursts) gezeigt hatten, verneinten alle 49 Personen eine wahrnehmbare Zunahme solcher Phänomene. Das räumliche Sehen in der Nähe blieb erhalten.
Ein ehrlicher Punkt gehört dazu: Der geplante Unterschied zwischen beiden Augen von 0,75 bis 1,25 Dioptrien wurde nur bei 29 von 49 Personen (59 %) tatsächlich erreicht, bei weiteren 10 lag er knapp darunter (0,50 bis 0,74 Dioptrien). Die Sehergebnisse unterschieden sich zwischen diesen Gruppen nicht erkennbar.
Uns hat interessiert, ob sich der Zwischenbereich einer Monofokal-Plus-Linse durch einen bewusst kleinen Unterschied zwischen beiden Augen ein Stück in Richtung Nähe verschieben lässt, ohne dass Patientinnen und Patienten mehr Lichtphänomene wahrnehmen. Mich persönlich hat überrascht, wie gut das funktioniert hat und dass einige Patienten sogar ohne Brille in der Nähe recht gut lesen konnten. Besonders aufschlussreich finde ich, dass Pupille und Hornhaut mit dem Ergebnis zusammenhingen. Das hat mich unter anderem darin bestärkt, bei der Voruntersuchung diese Parameter gewissenhaft zu erheben und bei der Wahl der geeigneten Linse auf jeden Fall zu berücksichtigen. Ein Versprechen auf Brillenfreiheit lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
– Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Christina Leydolt
Warum ist die individuelle Linsenwahl so wichtig?
Unsere Auswertung zeigt, dass das Ergebnis nicht allein von der Linse abhängt. Zwei Eigenschaften des jeweiligen Auges standen in einem statistisch signifikanten Zusammenhang mit der Sehschärfe im Zwischenbereich: Bei einer größeren Pupille war die Sehschärfe in 66 Zentimetern schlechter, bei einer stärkeren positiven sphärischen Aberration der Hornhaut (eine natürliche Abbildungseigenschaft der Hornhaut) war sie besser. Alter, Augenlänge sowie Verkippung und Dezentrierung der Linse spielten keine Rolle.
Das ist eine Nebenbeobachtung und kein Beweis; größere Studien müssen sie erst bestätigen. Sie zeigt aber, warum ich vor jeder Linsenempfehlung Pupille und Hornhaut genau vermesse, statt allein nach dem Wunsch zu entscheiden: Bei gleicher Linse und gleicher Strategie kann das Ergebnis im Zwischenbereich von Auge zu Auge unterschiedlich ausfallen. Beides lässt sich oft schon vor der Operation messen. Hinzu kommt, was jede Speziallinse betrifft: Alle Speziallinsen wirken nur dann optimal, wenn ein eventuell vorhandener Hornhaut-Astigmatismus ebenfalls mit einer torischen Linse (zur Korrektur der Hornhautverkrümmung) korrigiert wird. In unserer Studie war das kein Thema, weil ein Astigmatismus über 1,0 Dioptrien zu den Ausschlusskriterien zählte.
Was bedeutet das für Patienten mit Grauem Star?
Eine Monofokal-Plus-Linse mit Mini-Monovision kann eine Option sein für Menschen, die vor allem in der Ferne und im Zwischenbereich gut sehen möchten, ein brauchbares Nahsehen schätzen und das Risiko optischer Nebenwirkungen niedrig halten wollen. Ob sie zu Ihnen passt, hängt von Ihren Sehgewohnheiten, Ihrer Augengesundheit und den Messwerten Ihrer Augen ab.
Die Limitationen unserer Studie sind folgende: Es gab keine Vergleichsgruppe, weder mit beidseits auf die Ferne eingestellten Monofokallinsen noch mit anderen Linsentypen. Wir haben nach rund zwei Monaten untersucht, nicht langfristig, und nicht geprüft, wie viele Teilnehmende ganz ohne Brille auskommen. Lichtphänomene haben wir mit einer Ja-Nein-Frage anhand von Beispielbildern erfasst und das Kontrastsehen nicht objektiv gemessen. Die Ergebnisse gelten für „gesunde“ Augen ohne Glaukom und Makulaerkrankung. Eine Überlegenheit gegenüber Multifokallinsen lässt sich daraus nicht ableiten, und eine Garantie für Brillenfreiheit schon gar nicht.
In meiner Ordination am Opernring in Wien verbinde ich Erkenntnisse aus meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit, wie die der vorliegenden Studie, mit einer ausführlichen Voruntersuchung und einem Gespräch über Ihren Alltag, um Sie gut zu geeigneten Linsen beraten zu können. Mehr zu meiner Forschung finden Sie in meinem Profil.
Sie möchten herausfinden, welche Linse für Sie infrage kommt? Nutzen Sie unseren Selbsttest oder vereinbaren Sie ein persönliches Beratungsgespräch.
Originalpublikation und Transparenz
Danzinger V, Lisy M, Schartmüller D, Mahnert N, Schranz M, Abela-Formanek C, Leydolt C. Prospective Evaluation of Visual Performance of a Novel Partial Depth of Field Intraocular Lens Using a Monovision Strategy. Journal of Cataract & Refractive Surgery 2027;53:1–8 (online vorab 2026). DOI: 10.1097/j.jcrs.0000000000002056. Open Access (CC BY 4.0).
Studienregistrierung: NCT05822089. Ethikvotum: Medizinische Universität Wien (EK 1631/2021). Korrespondenzautorin: Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Christina Leydolt.
Die Studie wurde als Investigator-Initiated Trial mit einer nicht zweckgebundenen Förderung von HOYA Surgical Optics durchgeführt. Laut Publikation hatte der Hersteller keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung, Analyse und Interpretation der Ergebnisse.